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Wladimir's Weblog

14 03 2009 Woher kommen „Faschisten“

In sozialistischem Russland gab es eine hoch entwickelte Wirtschaftskriminalität, es gab eine politische Verfolgung von Andersdenkenden und Korruption in den Staatsorganen, doch auf der Strasse war es ruhig. Man konnte die ganze Nacht quer durch Moskau oder St. Petersburg laufen, die Chance überfallen zu werden war nicht größer, als einem Känguru zu begegnen.  

Heute werden die Menschen dort häufig auf offener Strasse angegriffen, nicht einmal wegen Geld - wegen ihrer Hautfarbe! Man spricht vom wachsenden Rassismus in Russland, von jungen Leuten die sich "Faschisten" nennen, als wären "Faschisten" eine Art Straßengang. Mein armenischer Freund muss öffentliche Verkehrsmittel meiden, wenn er beruflich nach Moskau fliegt. Eine Sängerin aus St. Petersburg erzählte mir neulich, ihr Schlagzeuger würde sich vom Hinterhof ins Probehaus einschleichen, weil die Jugendlichen vor dem Haus überreizt auf seine dunkle Hautfarbe reagieren.

Was ist nur mit Russland los? Und wie wird man Faschist in einem postsozialistischen Land, das sich fast sein ganzes historisches Guthaben aus dem Sieg über Nazideutschland und Vernichtung des Faschismus berechnet?  Wie überall auf der Welt machen Bildungsmangel und Armut die Menschen auch in Russland reizbar und aggressiv. Warum aber jagen sie der fremden Haut nach, die zwar andersfarbig, aber genau so arm dran ist wie ihre eigene, wenn nicht noch ärmer, anstatt ihre Wut gegen die schicken Schaufenster des Weltkapitals zu richten?  

Rassismus ist der Aufstand der Einfältigen gegen die Komplexität und Uneindeutigkeit der Welt. Das wissen die Akteure der repräsentativen Demokratie und versuchen ihre Bürger nationalstolz einzustimmen - zur Vorbeugung faschistoider Tendenzen. Sie zeigen dem Bürger, dass es seinem Land auch ohne seine persönliche Mitwirkung gut geht. Die Illusion des Nationalstolzes darf allerdings nicht ganz von der Realität abweichen. Die Autorität des Landes muss greifbar sein, am besten auch essbar: ein Hamburger für Amerika, eine Pizza für Italien, eine Auster für Frankreich, eine Wurst für Deutschland.  Doch Öl kann man nicht essen. Die Entwicklung der letzten fünfzehn Jahren hat bei den Russen einen starken Minderwertigkeitskomplex hervorgerufen.  

Was haben wir früher im Sozialismus gelacht, über diesen ständigen Selbstlob in den Zeitungen und im Fernsehen, die regelmäßigen Erfolgsmeldungen über die gelungenen Ernteschlachten und die Fortschritte im Maschinenbau, unseren Kosmos und das Ballett. Dabei konnte die Mehrheit des Landes weder vom Kosmos noch vom  Maschinenbau profitieren, auch war ihr nicht nach Ballett zumute. Heute weiß ich, diese Selbstverherrlichung in der Presse war eine Vorbeugungsmassnahme gegen den Faschismus.  Die allgemeinen Erfolge des Landes machten die eigenen individuellen Niederlagen erträglicher.

Im Kapitalismus ist Nationalstolz umso wichtiger, weil die Mehrheit der Bevölkerung unausweichlich auf der Seite der Verlierer landet. Deswegen sucht der Kreml fieberhaft nach einer neuen nationalen Idee, um den Fremdenhass einzudämmen.  In Deutschland hat der Faschismus zum Glück einen schlechten Ruf - aus Erfahrung.  Hier haben vor vielen Jahren böse Menschen (Hitler) das gute Volk vom richtigen Weg abgebracht und ihm schreckliche Verbrechen aufgezwungen.  Gott sei Dank war das Volk gleich nach der bedingungslosen Kapitulation erwacht, hatte die bösen Menschen zum Großteil verjagt und seitdem nur noch die Guten gewählt (von Adenauer bis Merkel).

Spätestens seit dem Ende des zweiten Weltkrieges weiß man, dass es keine schlechten Völker gibt. Im Fall einer Panne werden die Bösen, die Verbrecherschweine, durch das Dorf gejagt. Die Guten (auch davon gibt es immer welche) werden zum wahren Kern des Volkes erklärt und durfen seine Geschichte weiter schreiben. Man opfert ein Teil um das Ganze zu retten, denn nur auf das Ganze kommt es an.

 

Das Garagentor neben der amerikanischen Botschaft in Oslo.

Von: Wladimir Kaminer