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Wladimir's Weblog

1 09 2009 Unter einem Dach

"Die Nachbarn sind die größte Herausforderung, eine weit größere als die eigene Familie. Wenn Du es mit den Nachbarn kannst, dann schaffst Du es auch mit dem Rest der Welt" sagte mein Opa gerne. Er selbst war in seinem Leben mindestens ein Dutzend Mal umgezogen und wusste, wovon er sprach. Die Kinder werden groß und ziehen weg, die Eltern und die Großeltern sterben, die Nachbarn sind dagegen immer da -  überall und allgegenwärtig. Wenn die einen wegziehen, sterben, heiraten oder auswandern,  ziehen sofort irgendwelche anderen nach. Sie stellen unsere Flexibilität, unsere Kommunikationsfähigkeit, unsere humanistische Weltsicht täglich in Frage. Sie sind die größte Prüfung unsres Lebens.

Ich glaube nämlich, dass die Spezies "Mensch" ein Probewurf der Natur ist. Schaffen wir es, innerhalb einer beträchtlichen Zeit mit- und nebeneinander friedlich zu bleiben, dann werden mit Wesen unseres Schlages weitere Planeten und Galaxien besiedelt. Wenn wir uns jedoch als unfähig zum Zusammenleben erweisen und gegenseitig  auslöschen, dann wird von der Natur ein neues weniger individualistisches Modell favorisiert. Und deswegen kann ein Mensch nirgends auf Dauer allein sein.

Selbst wenn er sich anschickt, eine unbewohnte Insel mitten im Ozean auswendig zu machen, ziehen spätestens in einer Woche andere Leute nach - Eine Familie mit Kleinkindern, eine Rentnerin mit einem dicken Dackel, ein arbeitsloser Klarinettist, der jeden Tag proben muss, eine mollige Alleinstehende, ein Mann mit rasiertem Kopf, der Selbstgespräche auf der Treppe führt, dieses ganze Pack eben - die üblichen Verdächtigen. Es sind in der Regel komische Leute mit wildfremden Sitten. Sie stehen auf, wenn die anderen schlafen gehen, und wenn die Anderen wach werden, schlafen sie ein. Sie joggen gern in der Wohnung und tanzen Kasatschok, aber nur wenn sie eins höher wohnen. Wenn sie unter einem wohnen, klopfen sie wie blöd gegen die Decke. Wenn sie daneben wohnen, spielen sie Tennis gegen die Wand und hören laut Musik am offenen Fenster. Sie singen am frühen Morgen. Abends kucken sie Fernsehserien, in denen viel  gebrüllt wird. Im Sommer grillen sie auf dem Balkon. Im Winter stöhnen sie im Schlafzimmer. Man muss sie nicht mögen. Man muss sie nicht verstehen. Man muss nicht mit ihnen gemeinsam Kuchen backen, aber es empfiehlt sich trotzdem, sie kennen zu lernen. In gewisser Weise tragen wir alle füreinander Verantwortung. Wir wohnen unter dem gleichen Dach.

Von: Wladimir Kaminer