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Wladimir's Weblog

11 02 2009 Sex im Fernsehen

Diese Geschichte begann vor 23 Jahren. Damals, in den frühen Achtzigern des vorigen Jahrhunderts, war die Welt noch unerforscht und voller weißer Flecken. Nur wenige Auserwählten durften sie bereisen, um anderen Kulturen persönlich zu begegnen, der Rest war auf die regionale Presse und das Fernsehen angewiesen, wenn er etwas von der Welt wissen wollte. Die Medien wussten damals noch nicht, was eine unabhängige Berichterstattung ist, ihr Weltbild hatte nur wenig Farben: Auf der einen Halbkugel wohnten die Amerikaner, sie trugen komische Frisuren, tranken Wiskey und tanzten Rock- n- Roll. Auf der anderen Seite wohnten die Russen, sie trugen Pelzmünzen, tranken Wodka und tanzten Kasatchok. Beide Teile waren nicht gut auf einander zu sprechen und hatten deswegen ihre Länder mit Bomben und Raketen gespickt, um jederzeit sich selbst und die anderen in die Luft sprengen zu können. 

Trotzdem gab es auf beiden Seiten immer wieder Versuche, die Menschen der beiden Halbkugeln einander näher zu bringen.  "Citizen Diplomacy" nennte sich das im Westen. Dort kam ein Mann namens Steve, der spätere Mitgründer des Computerkonzerns  "Apple",  1982 auf die Idee, Russen und Amerikaner in einer Fernsehsendung live mit einander reden zu lassen. Diese Idee wurde in Vorbereitung  eines Rockfestivals in San Bernardino (Californien) geboren. Für dieses Festival baute die Firma von Steve riesige Fernsehschirme auf, groß wie Wohnhäuser. Es war eine technische Revolution, damit konnten fortan Zigtausende gemeinsam Fernsehn glotzen. Man brauchte nur noch ein spannendes Programm.  Wenn man solche Leinwände an öffentliche Orte aufstellt und die Fernsehübertragung durch Satelliten herstellt, könnten ganze Völker sich live miteinander unterhalten, dachte Steve. Seine Idee bekam den Namen Telebrücke und wurde auf beiden Seiten der ideologischen Mauer von den politischen Eliten mit Respekt aufgenommen.

Der Kalte Krieg war  inzwischen allen auf die Nerven gegangen, man suchte nach alternativen Lösungen, so gelangte auch die Abrüstung auf die Tagesordnung. Am 5. September 1982 fand die erste und gleichzeitig letzte Telebrücke statt. Zum ersten Mal hatten die Russen und die Amerikaner Gelegenheit, außerparlamentarisch direkt miteinander zu sprechen. Beide Seiten bereiteten sich gut auf dieses Ereignis vor.  Auf amerikanischer Seite versammelten sich im Glen Helen Park von Los Angeles  250 000 als amerikanische Jugendliche verkleidete CIA-Agenten, um die sowjetische Öffentlichkeit mit hinterhältigen Fragen platt zu machen.  Aber die Russen waren auch nicht doof. Sie hatten in einem Moskauer Fernsehstudio eine komplette sozialistische Arche Noah versammelt: Männer, Frauen, Kinder, Arbeiter und Bauern, Künstler, Intellektuelle, ein paar Gäste aus den Bruderrepubliken, die ganz zufällig  vorbeigekommen waren, und dazu noch zwei sozialistische Rockbands mit lustigen unpolitischen Namen wie "Der Sonntag" und "Die Blumen". Trotz guter Vorbereitung ging einiges bei dieser Telebrücke schief, wie immer, wenn modernste Technik zum ersten Mal zum Einsatz kommt. Die Fragen und Antworten waren nicht deckungsgleich, sie mussten ständig hin und her übersetzt werden, bald verstand keiner mehr den anderen. Die verkleideten CIA-Agenten saßen lässig im Park bei Sonnenuntergang, in Russland war es dagegen sechs Uhr morgens. Es fiel meinen Landsleuten schwer, sich um diese Zeit schon auf die Völkerverständigung zu konzentrieren. Gequält lächelnd und angespannt locker saßen sie im Studio. Wie Geisel, die von unsichtbaren Terroristen bedroht werden, nach Außen hin  zeigen, dass es ihnen gut geht. Die zivile Kleidung passte nicht zu den  Frisuren der Männer, die Frauen trugen dagegen zu viel Schminke im Gesicht.

Trotz der frühen Stunde klebten Millionen in Russland an der Glotze, die Sendung war eine kleine Sensation. Das Gespräch ging jedoch nicht wirklich voran. Die erfolgreichen Ernten und die Fortschritte im Maschinenbau interessierten die amerikanischen Freunde nicht, stattdessen gingen sie gleich zur Sache. Ein großer Blonder in einem Holzfällerhemd wollte wissen, wie es mit dem Sex in der Sowjetunion sei.  Unsere Antwort auf diese hinterhältige Frage - eine mollige Dame mit einer  komplizierten Frisur - verhaspelte sich im entscheidenden Moment auch noch.  Sie wollte dem Amerikaner eigentlich sagen, daß bei uns kein Sex im Fernsehen gezeigt wird, schaffte aber nur den halben Satz: "Bei uns in der Sowjetunion gibt es kein Sex hm-hm.." Der Rest ging im Gekicher der CIA-Agenten unter. "Das glaube ich euch nicht! blaffte der Holzfäller im Hemd durchs All, ihr seid doch alle irgendwie auf die Welt gekommen! Die ganze Belegschaft des Glen Helen Parks fing an zu lachen. Es gab kein Sex im Sozialismus! Dadurch gelang es den Amerikanern noch einmal,  die Überlegenheit ihres System deutlich vorzuführen - sie gewannen die Telebrücke. Und die Dame mit der komplizierten Frisur hatte ihre Landsleute mit Hilfe der modernsten  Kommunikationsmittel für immer zu Sex-Deppen abgestempelt.  In Wirklichkeit gab es in der Sowjetunion natürlich jede Menge Sex, überall und rund um die Uhr. Es gab Gruppensex und Sex allein, es gab Sex im Kosmos und in der Landwirtschaft, zu Hause und bei der Arbeit, im Sitzen und im Stehen, nur eben nicht im Fernsehen.

Von: Wladimir Kaminer