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Wladimir's Weblog

20 01 2009 Für Mehrstaatlichkeit anstelle des Nationalstaates

Im aktuellen Gasstreit wird meine russische Heimat erneut wie in Zeiten des Kalten Krieges dämonisiert. Das ist verdammt schade, aber gut nachvollziehbar. Denn  genau wie früher haben sich in neuem postsozialistischem Russland die Wirtschaft und die Politik in einander verliebt und sind zusammengewachsen.

Aus dieser Beziehung kam nie etwas Vernünftiges raus, weder eine starke Wirtschaft noch eine stabile Politik. Es kommt nur eins dabei raus - die Ideologie des Nationalstaates, die alle Menschen in die gleiche Kiste packt.

Diese Ideologie hat in der heutigen Welt auf Dauer keine Überlebenschance Die Nationalstaaten sollen sich endlich daran gewönnen, dass immer größere Teile der Gesellschaft sich unabhängig machen, Interessengemeinschaften und eigene Gruppen bilden, weil ihre Interessen mit den Interessen der so genannten Mehrheit nicht übereinstimmen.

Der Staat muss endlich Formen finden um alle diese Gruppen wieder unter eine Decke oder meinetwegen auch unter mehrere Decken zu bekommen. Wie soll das gehen?

Mir schwebt in dieser Hinsicht die nichtgeografische Mehrstaatlichkeit vor.

Die Mehrstaatlichkeit würde bedeuten, dass alle Kandidaten ihren eigenen Staat auf dem freiem Markt anbieten, wie es zum Beispiel die Telefongesellschaften mit ihren DSL-Angeboten längst machen. Auch die Politiker würden ihre Kunden in harter Konkurrenz erkämpfen müssen. Und wenn sie klug genug sind, werden sie ihren Staaten nicht solche blöden Kürzel wie „BRD“ oder „DDR“ geben, stattdessen hübsche Frauennamen. Dann wird man auf Wahlkampfplakaten lesen können: „Der Staat „Alice“ mit Schwerpunkt Ökologie, Bildung und Kultur! Dafür ohne Grenzschutz und ohne Armee, für nur 4.99 im Monat!“ Für die Anhänger der Sicherheit wird es den Staat „Horst“ für 99.90 geben dafür mit einem persönlichen Sicherheitsberater im Treppenhaus. Ich persönlich warte auf den Staat „Alice“, ich glaube fest, dass er kommt.

 

 

Von: Wladimir Kaminer