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Wladimir's Weblog

25 05 2009 Die drei Schweinchen des Präsidenten

Der russische Präsident Medwedew ist seit einem Jahr im Amt. Seine Hauptanliegen äußerte er in zahlreichen Interviews und Ansprachen. Es ging dabei um die Demokratisierung der Gesellschaft, die Medienfreiheit und die Stärkung des Rechtsbewusstseins in der Bevölkerung.

Medwedew versprach ein Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, so wie Gorbatschew seinerzeit einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz heraufbeschwor.

Um seinem Volk näher zu sein, hatte Medwedew eine Internetseite und einen Blog für sich einrichten lassen. Ob er tatsächlich selbst in seinem Blog schreibt oder jemanden schreiben lässt, ob er die Kommentare liest ob er überhaupt andere Bloger liest, ist unklar. Auf alle Fälle fingen auf einmal sehr viele Eintragungen im russischen Internet mit dem Satz "Sehr geehrter Herr Präsident" an. Egal worum es ging, es wurde zum guten Ton, den Präsidenten mindestens zu erwähnen. Die Menschen berichteten dem Präsidenten, wie sie sich im Büro langweilen, was sie gekauft und was sie zum Frühstück gegessen hatten. Manche baten das Staatsoberhaupt auch um die Erfüllung ihrer Wünsche, eine dreizehnjährige Internetnutzerin aus Rostow bat den Präsidenten, ihr zu  Sylvester ein Meerschweinchen zu schenken.  Der Präsident hatte entweder Besseres zu tun als Meerschweinchen an die Bevölkerung zu verschenken oder seine Meerschweinchen waren knapp, er ging auf diesen Wunsch nicht ein.  Der elektronische Brief des Mädchens wurde jedoch ausgedruckt, mit einem Präsidenten-  Stempel versehen und zurück nach Rostow an die Bezirksregierung geschickt. Von dort wurde der Brief an den Vorsitzenden des Komitees für Bildungsstätten weitergeleitet, dann zum regionalen Bildungsbeirat, schließlich gelangte der Brief an den zuständigen Schuldirektor. Der Schuldirektor rief bei den Eltern des Mädchens an, bestellte die ganze Familie zu sich und hielt ihr eine Standpauke: Hätten sie ihre Tochter besser erzogen, würde sie sich nicht erlauben den russischen Präsidenten mit ihren Mails zu belästigen.  Das Kind sollte sofort eine interaktive Entschuldigung an den Präsidenten schreiben, verlangte der Schuldirektor. Das Mädchen weinte und versprach, den Präsidenten nie weider um irgendetwas zu bitten. Über diesen ganzen Vorfall berichtete hernach eine Regionalzeitung, gleichzeitig legten die Redakteure aber zehn Euro zusammen,  und kauften dem Mädchen ein Meerschweinchen.

In der Administration des Präsidenten wird auch die regionale Presse studiert, man achtet dort auf das Image des Staatsoberhaupts. Nach Lektüre des Artikels wurde aus Kreml sofort ein Meerschweinchen nach Rostow geschickt. Gleichzeitig beklagten sich die Eltern des Mädchens per Mail beim Präsidenten: Sie würden von der Bezirksadministration und der Schulleitung erpresst und zu falschen Geständnissen gezwungen.

Diesmal funktionierte die Internetseite des Präsidenten schnell und einwandfrei: Bereits eine Stunde nach Versenden ihrer Beschwerde stand der Schuldirektor persönlich im Treppenhaus - mit einem Käfig in der Hand, in dem ein Meerschweinchen saß. Zehn Minuten später stand ein Gesandter der Bezirksadministration ebenfalls mit einem Käfig vor der Tür. Die Zeitung druckte einen offenen Brief an den Präsidenten, der mit den Worten begann "Herr Präsident, ihr Auftrag wurde erfüllt und überfüllt!" Daraufhin übernahmen die Moskauer Zeitungen die Story. Die logische Fortsetzung dieser Geschichte wäre, wenn die Schülerin nun ihr Schweigegelübde brechen  und sich noch einmal beim Präsidenten melden würde - mit der Bitte, die drei überflüssigen Schweinchen wieder zurück zu nehmen, sie hätte ja nur eins bestellt und nicht vier. Medvedew könnte dann die drei Schweinchen in seine Administration aufnehmen, wo sie gemeinsam auf dem Feld der Demokratisierung der Gesellschaft, der Liberalisierung der Medien und der Stärkung des Rechtsbewusstseins in der Bevölkerung arbeiten würden. Aber ob das Mädchen noch mal schreibt?

 
Mein Meeresschwein

Von: Wladimir Kaminer