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Wladimir's Weblog

6 01 2009 Der Nachfolger

Letztens kam ein  Landsmann, jung und relativ nüchtern, mit glühenden Augen. Er lehnte sich an den DJ-Pult und rief:

„Du bist doch dieser Schriftsteller, nicht?“

„Ja, ich bin‘s, „gab ich zu und dachte, wir trinken jetzt einen.

„Brauchst Du einen Nachfolger?“ fragte mich der Junge.

„Wie bitte?“ Ich verstand ihn nicht.

„Was würdest Du sagen, wenn ich ein Buch schreibe, das alle deine Bücher zunichte macht. Ich habe deine zwar nicht gelesen, aber glaube mir, wenn ich ein Buch schreibe, wird es ein Hammerbuch sein, ein Weltbestseller, ich kenne Geschichten... die ganze Welt wird vor meinem Buch in die Knie gehen. Wenn ich es nur schreibe!“ 

„Tu es doch,“ ermutigte ich ihn. „Je mehr gute Bücher es gibt, desto besser.“

„Nein das kann ich nicht. Ich möchte dich nicht arbeitslos machen. Denn wenn ich mein Buch schreibe, werden die Menschen wie wild danach greifen und alle deine Bücher vergessen,“ winkte er ab.

„Du hast meinen Segen, rede nicht lange, mach es einfach, ist schon in Ordnung, ich werde es überleben,“ sagte ich.

„Nein das kann ich nicht,“ schüttelte der Russe traurig den Kopf. „Denn wenn ich mein Buch schreibe, wird die ganze Weltliteratur untergehen, alles andere wird verfallen und vergessen sein, alle werden nur mein Buch lesen und dich wird niemand mehr kennen. Deswegen schlage ich vor, wir schreiben mein Buch zusammen, es wird ein Hammer sein.“

„Nö,“ sagte ich, „jeder soll seine Brötchen selbst backen, schreib du dein Hammerbuch und ich schreibe meine.“

„Du traust mir wohl nicht, du weißt nicht, wie ernst ich es meine,“ erwiderte der Junge. „Doch wenn ich dieses, mein Buch schreibe,  braucht es überhaupt jemand?

 Wer wird es lesen?“

 Ich sagte, „Mensch komm, mach mich nicht verrückt. Natürlich braucht es jemand, schicke es mir, ich  werde dein Buch lesen.“

„Du nimmst mich nicht ernst,“ sagte der Junge. „Bei dir kommen bestimmt jeden Tag so Leute vorbei und schicken dir Bücher. Wenn ich aber eins schreiben würde...“

„Hör auf, Schick mir dein Buch ich werde es lesen und Basta! Also vielleicht nicht das ganze Buch, schick mir drei Seiten.“

„Das sagst Du nur, um mich los zu werden, denkst du, ich bin ein Spinner?“ fuhr er fort. „Wenn aber mein Buch kommt, dann werden Goethe und Schiller und wie sie alle heißen...“

Ich rastete aus. „Laß mich in Ruhe, verflucht nochmal! Nimm dein Buch und verpiß dich!“ rief ich.

„Ich habe doch noch keins geschrieben,“ sagte mein Gegenüber seelenruhig. „Wenn aber...“ 

Nichts half. Er war tatsächlich betäubend wie eine Droge. Den Rest der Nacht verbrachte ich in der Gesellschaft meines durchgeknallten Nachfolgers, hörte ihm zu und sagte in regelmäßigen Abständen der Droge nein.

Von: Wladimir Kaminer