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Wladimir's Weblog

19 11 2008 Auch die Russen

Letztens bin ich in Moskau über eine Veränderung der dortigen Mentalität gestolpert. Die für ihre Grimmigkeit bekannten und deswegen von den Ausländern bewunderten Russen grüßen. Sie grüßen in Geschäften, in Hotels, manchmal sogar auf der Straße. Sogar die Polizisten, die uns immer völlig grundlos angehalten haben, um ihre unstillbare Sehnsucht nach Korruption zum Ausdruck zu bringen, grüssten uns plötzlich ausgiebig und wünschten einen guten Tag, bevor sie nach Geld und Ausweisen verlangten.

Die jungen Frauen hinter den Verkaufstresen schauten nicht mehr wie früher zu Boden oder zur Decke, sondern dem Kunden direkt ins Gesicht und lächelten dabei so fröhlich, als ob sie darin etwas ganz Tolles erblickt hätten. 

Das hat zweifellos damit zu tun, dass eine bestimmte Art von Literatur, d.h. Sachbücher aus Amerika, die Glück und Erfolg versprechen, in Russland einen großen Absatz finden. Genau wie die Amerikaner neigen die Russen zu einfachen Lösungen für komplexe Probleme und können auch die notwendige Naivität aufbringen, die sie im Glauben lässt,  alles auf der Welt sei nur eine Frage der inneren Einstellung.  Bücher mit solchen Titeln wie "Die Formel des Erfolgs", "Richtig atmen -- länger leben" und vor allem der Bestseller "Das Geheimnis meines Aufstiegs" von einem Kerl namensCarnegie, suggerieren dem Leser, alle seine Probleme seien mit einem Dauergrinsen zu lösen.

"Mir hat Carnegie sehr gut geholfen, ich lache und bin froh, alle sagen, ich bin ein ganz anderer Mensch geworden!" schwärmte eine Blondine im Eiscafe gegenüber ihrer grimmigen Freundin. "Und mir hat der verfickte Scheiß-Carnegie gar nicht geholfen, so ein Mist," erwiderte die Freundin und schlug mit der Handkante auf den Tisch.

Von: Wladimir Kaminer