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19 01 2010 Yuriy Gurzhy meets Shantel in Skype-Style
Shantel, alias Stefan Hantel, geb. in Deutschland, seine Familie stammt aus Czernowitz – Bukowina (heute Ukraine), Österreich, Griechenland und Deutschland. Shantel ist Musiker, Produzent und DJ. Seine „Bucovina-Club“-Compilations lösten den Balkansound-Hype aus und sind für die Entstehung der Balkan-Partys auf der ganzen Welt verantwortlich. Seine beiden Solo-Alben, „Disko Partizani“(2007) und „Planet Paprika“(2009) wurden zum großen Erfolg und setzten neue Maßstäbe für die globale moderne Popmusik. Er lieferte auch den Soundtrack zum mehrfach ausgezeichneten Spielfilm „Auf der Anderen Seite“ von Fatih Akin. Shantel lebt in Frankfurt.
Yuriy Gurzhy kommt aus der Ukraine, seine Vorfahren sind jüdischer und griechischer Abstammung. 1999 gründete er zusammen mit W. Kaminer die inzwischen legendäre Russendisko. Mit den Hits aus dieser Tanzveranstaltung sind bisher 5 CDs erschienen. 2006 kam ein von ihm und Lemez Lovas (ex-OiVaVoi) zusammengestellter Sampler zur zeitgenössischen jüdischen Musik "Shtetl Superstars" raus, und Anfang 2009 das erste Album seiner Band RotFront, "Emigrantski Raggamuffin". Yuriy Gurzhy lebt in Berlin.
Im Dezember 2009 skypten Stefan und Yuriy miteinander über jüdische Musik, und noch mehr....
YG: Weißt du noch, wie wir uns kennen gelernt haben?
SH: Eine auflagenstarke deutsche Tageszeitung wollte unbedingt ein Gipfeltreffen der besonderen Art arrangieren, also suchten sie sich eine große Fabrikhalle im Osten der Stadt Frankfurt am Main und veranstalteten ein rauschendes Fest: Bucovina Club meets Russendisko! Eine Redakteurin der Vogue Deutschland kam auch noch dazu, und das Unheil nahm seinen Anfang...!
YG: Es war ein Fest! 5000 Leute! Ekstatisches Tanzen! Leider weiß ich nicht mehr ganz genau, wie der Abend endete.... habe mit den Frankfurter Fans mehrmals auf Freundschaft und Völkerverständigung getrunken und wachte dann plötzlich am nächsten Morgen im Hotel auf..... Wann war das eigentlich? 2002?
SH: ...Sagen wir einfach - zu Beginn des neuen Jahrzehnts 2000, die Karten waren neu gemischt!
YG: :) Ich habe kurz davor von den Veranstaltern eine Demo-CD mit dem, was "Bucovina Club-1" werden sollte, bekommen, und war sehr beeindruckt, muss ich sagen..... Das war zwar die Musik, die ich zum Teil gut kannte – aber der Mix war einzigartig, ziemlich revolutionär.
SH: Wir hätten uns so oder so getroffen, immerhin war es gut zunächst mal miteinander zu rocken, anstelle zu schwadronieren über das Grosse und Ganze und überhaupt.....
YG: Einer der Höhepunkte des Abends war es, als du eine Brass Version von „Hava Nagila“ aufgelegt hast, es war für mich damals eine große Überraschung, das Lied auf einer Disko zu hören.... Ich hab es wahrscheinlich zu oft im Familienkreis gehört, und in meiner Welt gehörte es irgendwie.... zu Hause.... oder zu einem jüdischen Fest, weißt Du?
SH: Ach du liebe Güte, das spiele ich ja heute noch?... Ich denke, man konnte erkennen, was in Deutschland musikalisch wieder möglich oder generell möglich sein kann. ...immerhin wurde Musik aus dem sog. „jüdischen Kontext“ in Deutschland meist sehr verklemmt und verkrampft oder akademisch rezepiert... So gesehen hat der Hedonismus der damaligen Tage, ein paar nicht unwichtige Hürden eingerissen...
YG: ....es war – bzw. ist immer noch - eine große Befreiungsaktion für die jüdische Musik, Befreiung vom Kontext.... Eine ähnliche Problematik hatten wir mit Wladimir bei der Russendisko – es kamen oft Leute auf uns zu, die sagten: „Das kannst Du ja nicht einfach so zusammen mischen!“ oder: „Erwartest Du jetzt tatsächlich, dass man zur Sowjetischen Hymne oder Moskau, Moskau tanzt?“. Aber es hat eigentlich immer funktioniert...... Woran musst Du als eigentlich als Erstes denken, wenn Du die Wortkombination "jüdische Musik" hörst? Weißt Du, mein Opa, ein leidenschaftlicher Musiksammler, hat mir oft Sachen vorgespielt, und sagte - hier, das ist JÜDISCHE Musik – damals hatte ich natürlich keine Ahnung, was er damit meinte. Und dann, Jahre später, beschäftigte ich mich mit der Frage, was es eigentlich ist... meine Antwort wäre wahrscheinlich, dass es keine „jüdische Musik“ als solche gibt...
SH: Das ist natürlich Blödsinn, genau wie es keine Gypsy-musik gibt. Aber das ist ja das Schöne an der Debatte. Immer wieder kontrovers und polarisierend. Jüdische Musik stellt ja per se wieder ein Ghetto dar, wer spielt das? Oder wer darf das spielen? Nur Juden oder vielleicht nur Halbjuden, es gibt ja auch noch die Menschen und Musiker mit einer jüdischen Legende, auch was ganz Neues....
YG: Plötzlich ist es "in", Jude zu sein?... :)
SH: ....die erfinden ja gerade ihr Judentum, weil vielleicht irgendein Opa oder Ur-opa zufällig Abraham oder Issak hieß? .....Ich finde das Schöne am Judentum, das sagt auch der von mir sehr geschätzte Henryk M. Broder, ist ja, dass man es eigentlich nicht wirklich definieren kann. Religiöse meinen, es kommt über die Mutter und nicht vom Vater... andere sagen, Juden essen sehr gerne und kochen gut, haben aber keine Tischmanieren, das gefällt mir zum Beispiel gut!
Sagen wir mal so, wir machen Musik - lass mal aussen vor wie das klingt - und wir können eine interessante Story dazu erzählen. Früher musste man sich ja einen abbrechen und über seine musikalische Initiation durch die Eltern herleiten, also Led Zeppelin, Beatles usw.
Heute kann man durchaus über die vielfältige Szene Kontinentaleuropas sprechen...
YG: Alle Versuche, Musik zu definieren, um sie dann besser zu verkaufen, wirken heutzutage so..... hilflos! „Bitte schön, das ist Balkan Beats, das ist Hardrock, das ist Ethno-House, und das ist hier ....Kolhosenklezmer“..... Deswegen finde ich die ganze Geschichte zum "Planet Parika", Deiner letzten Platte, super!
SH: Es wird ja noch schlimmer, ich gehe ja soweit und sage: „Fuck it! - ich bin ein deutscher Musiker, ich habe einen deutschen Pass, das ist mein Land, nur klingt es halt nicht nach Kraftwerk und Rammstein, sondern so, wie es eben bei mir klingt, ein anderes Gesicht Deutschlands eben“. Viele meinen ja auch immer noch - die Heimat der Juden wäre z.B. Israel und nicht Deutschland...
YG: ...und ich sage: ich komme aus der Emigrantski Republik – wir haben sie mit meiner Band RotFront erfunden, und unsere CD enthält auch einen gültigen Reisepass dafür!
SH: Im Grunde werden wir mit unserer Musik in Deutschland als Exoten behandelt, das finde ich Grotesk. Genauso gut wie z.B. die professionelle Ebene von Klezmermusik sich NUR in den USA entwickelte bzw., sich manifestierte, also in der Diaspora. So ist unser Sound eben auch nur hier und genauso entstanden...mich fragt man ständig nach meiner ethnischen oder religiösen Herkunft.
YG: Ist bestimmt eine der Lieblingsfragen vieler Journalisten, oder?
SH: Ich unterhalte mich gerne mit Journalisten, das sind ja oft gescheiterte Musiker. Außerdem sieht man es in Deutschland viel lieber jemanden zu stürzen als ihn inhaltlich zu stützen. Wichtig wäre zu erwähnen, dass sich unser Sound unabhängig der Trendmedien durch das Internet und unsere weltweiten sexy Shows völlig eigenständig kommuniziert.
YG: Übrigens, weißt du noch, als wir irgendwo - war das Zürich? - aufgelegt haben, und da hat sich jemand beschwert, die Musik sei ihm "zu jüdisch".... bei mir kommt sowas regelmäßig vor, muss ich gestehen.
SH: Ja, als ich das erste mal in Rudolstadt gespielt habe, kamen nach 5 Minuten so ein paar Leute und fragten, ob ich nun den ganzen Abend weiter "Türkenmusik" machen werde, da habe ich dann gleich die Anlage doppel so laut gedreht.
YG::) „ist uns.... zu orientalisch... zu jüdisch... zu schwul“
SH: ...das ist doch eine Ehre, solange solche Komplimente kommen, bin ich entspannt. Wir machen alles richtig!
YG: Wir sind ....Internationalisten! Die Neuen Internationalisten!
SH: Aus einem Diamant wächst nichts, aus einem Misthaufen wunderschöne Blumen!
YG: Du hast ja in Israel auch gelebt, nicht wahr?
SH: Well, fast ein Jahr am Stück und immer wieder periodisch. Ich bin dadurch aber auch nicht schlauer geworden. Trotzdem eine gute Erfahrung.
YG: Bei den Musikern dort wird die Frage, was jüdisch, und was nicht jüdisch ist, sehr entspannt gesehen ...
SH: Naja, meine erste Bucovina-Session wurde teilweise noch durch Zwischenrufe ergänzt wie z.B. " Stopp that chassidic bullshit!"
YG: Tja, eine Klezmerallergie haben sie dort auf jeden Fall:)
SH: ....aber das hat ganz klar eine politische Ursache, Klezmer heißt meist gleich rechtsgerichtet oder konservativ. Der Sound Israels, den ich kennen lernte, war eher trance-techno...
YG: Stimmt, in dieser Szene waren manche israelische Acts ganz groß ..... ich mag den neuen Sound, der aus Israel kommt - Boom Pam's letzte Platte, z.B., war lange ganz oben
in meinen persöhnlichen Charts:) Besonders dieses Stück mit Tomer Yosef .... genial! Auch die erste Scheibe von Balkan Beat Box - es war auch ein sehr wichtiges Album damals....ich finde es super, dass deine Plattenfirma Essay Recordings sie damals veröffentlichte!
SH: Man kann zumindest sagen, dass diese beiden von Dir genannten Bands international ein neues israelisches Kulturbild gezeichnet haben, gespeist aus ihren jüdischen Wurzeln. Die haben ja auch viele arabische Songs performed und eher Israel als Kultureller Schmelztigel repräsentiert.
YG: Absolut! ....Und Essay Recordings und Du waren für mich schon seit der ersten "Bucovina“-CD die absoluten Pioniere - ihr habt immer neue Themen entdeckt, und sie entwickelt.
SH: Uns ging es immer um die Auflösung von Ghettos und Nischen. Kein Weltmusik-Dogma, keine betörende Gesinnung. Sondern einfach nur gute Musik, ganz egal wo das jetzt `her kommt oder wie Trendy es ist.
YG: Ich bin auch stolz, dass auch unsere Platte bei Euch erschienen ist.
SH: .....daß du auch bei uns Verrückten gelandet bist, ich wollte Dich unbedingt, du bist ja ein begnadeter Songschreiber!
YG: danke:) Apropos, das erste Ergebnis unserer Zusammenarbeit, ich meine den „Disko Boy“ – war für Viele am Anfang auch "zu jüdisch":)
SH: .....der „Disko Boy“ hat ja keine richtige Heimat, es gibt ja mehrere Quellen... Also einmal die alte Klezmermelodie "Joshke Furt Avek" oder das griechische "Mangiko"...das macht die Sache spannend!... Das ist einfach ein Hit, a big Schlager!
YG: Ja, heute ist der Disko Boy ein richtiger Disko King....
SH: ja, so ein fetter Elvis...mit dicker Limousine, aber seine Eltern sind bettelarm geblieben!