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Biographie

Ich bin in einem Schwimmbad  auf die Welt gekommen. Meine Mutter studierte Festigkeitslehre am Moskauer Institut für Maschinenbau, in ihrer Freizeit ging sie gerne schwimmen, in die offene Schwimmanstalt „Moskau“. Plötzlich kam ich. Meine Mutter legte mich in ein  Aquarium und trug nach Hause. Unterwegs schwamm ich im Aquarium hin und her.

Irgendein stark behaarter Fisch mit großem Schnurbart  kam mir entgegen, ich erschrak und weinte bitter. Der Fisch weinte ebenfalls. Dann lachten wir. Unsere Tränen lösten sich im Wasser des Aquariums auf es wurde unerträglich salzig. Seitdem habe ich einen Salzzwang.

Diese Geschichte ereignete sich in vorigem Jahrtausend, die offene Schwimmanstalt  „Moskau“ wurde inzwischen in die „Kirche für Jesus den Retter am Kropotkin Boulevard“ umgewandelt, stark behaarte  Schnurbartfische sind aus der Sowjetunion nach Kanada ausgewandert und niemand mehr weiß, was Festigkeitslehre ist, außer meiner Mutter natürlich, doch sie will es nicht erzählen.

 

 


Teil I - Die Geburt

Ich bin in Moskau ganz im Zentrum auf die Welt gekommen, in einem Haus, das früher ein Krankenhaus war, sich später in eine Apotheke verwandelte, und dann plötzlich ein Restaurant wurde.

Heute ist dort ein Bordell, wie überall. Mein Elternhaus wurde planiert, mein Lieblingskino zu einem Kasino umgebaut, wie die halbe Stadt. Was solls, Moskau bleibt meine Stadt, obwohl ihre Hässlichkeit und ihr schlechter Charakter sichnicht bestreiten lassen. Jeder Ausländer, der nach Moskau zieht, sagt, Moskau sei eine gierige und schmutzige Stadt. Und er hat nicht ganz Unrecht. Im Sommer ist es hier sauheiß und trocken, sogar die Sushis in den Bars riechen nach Schweiß. Im Winter dagegen ist es so kalt, dass den Leuten die Nasen abfallen, wenn sie länger als zehn Minuten im Schnee stehen bleiben. Doch die Einheimischen merken das alles nicht, sie laufen schnell und zielstrebig durch die Strassen, unabhängig von Wetterprognosen, immer einen, nur ihnen bekannten Weg entlang.

Jeder hier hat einen unsichtbaren Pfad, der ihn reich und glücklich machen soll. Man darf nur nicht vom rechten Pfad abweichen, dann wird alles gut. Moskau ist eine unsäglich reiche Stadt, sie scheißt Gold und jedes Jahr kommen Zehntausende, um nach ihrem eigenen Glückspfad in dieser labyrintischen Stadt zu suchen. Die meisten finden nichts und werden Straßenfeger. Es gibt in Moskau unglaublich viele Straßenfeger, eine Tatsache, die leider keinerlei Wirkung auf den Zustand der Straßen hat.

Es ist leicht, schlecht über Moskau zu reden, es ist schwierig, diese Stadt zu mögen, vor allem das protzige stößt ab. Moskau ist aber nicht protzig geworden, sie ist so entstanden, als einer Art Gegenpol zum KaDeWe nur viel früher natürlich - als Kaufhaus des Ostens, ein Ort an dem die Asiaten und die Europäer sich gegenseitig kennen lernen und einander ihre handgemachten Produkte andrehen können. Darin hat sich seit Jahrhunderten wenig geändert, außer dass die Produkte nicht mehr handgemacht sind.

Die Europäer hassten Moskau undmochten sie zugleich. Viele Ausländer, vor allem Deutsche gingen nach Moskau, in der Hoffnung, dort reich zu werden. Alle ersten Apotheker in Moskau waren Deutsche, sie haben die ersten Krankenhäuser hier errichtet, das Krankenhaus in dem ich auf die Welt kam, trug sogar den Namen des Enkels eines deutschen Apothekers, der ein berühmter russischer Gynäkologe geworden war. Ihm zu Ehren wurde dieses kleine Krankenhaus mitten in der Stadt genannt und trug diesen Namen ehrenvoll bis zu seiner Umwandlung in ein Bordell, versteht sich. Und weil die Deutschen so gerne über ihr Leben schreiben, haben sie eine sehrumfangreiche Literatur hinterlassen. Fast jeder Apotheker hat seine Memoiren verfasst, um der Welt seine Einstellung zu Russland und zum russischen Geist mitzuteilen. "Die Abenteuer eines Apothekers in Moskau" hieß einer der ersten Besteller, der aus einer Fremdsprache ins Russische übersetzt wurde. Insgesamt haben die Deutschen allein inletztem Jahrhundert sicherlich mehr über Moskau verfasst, als der Moskauer Schriftstellerverband seit seiner Gründung.

Der deutsche Adel heiratete gerne nach Moskau, beschwerte sich jedoch stets über die Wildheit der Einheimischen. So schrieb eine deutsche Prinzessin ihrer Mutter nach Holstein: "die Männer küssen sich zur Begrüßung auf denMund, benutzen keine Servietten und salzen bereits zubereitetes Essen!" Heute küssen die Moskauer niemanden mehr auf den Mund, auch benutzen sie durchaus Servietten, nur salzen tun sie nach wie vor gern. Sie salzen alles, ohne es vorher zu probieren. Auch Deutsche, die heute in Moskau leben und arbeiten, manche seit zehn Jahren und mehr: Gasmanager,Autoverkäufer, Zeitschriftenhändler, sie salzen plötzlich alles.   


Teil II - Erinnerungen

Ich stehe in der Küche und schaue durchs Fenster. Wolken ziehen an meinem Haus vorbei. Wir werden uns nie wieder sehen.